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Benutzerfreundlichkeit im Fokus

User Experience als Erfolgs- faktor für Softwareprodukte

 Lustlos und wenig übersichtlich, dafür wenigstens mit einem gewissen Windows 95 Retro-Charme. Von guter Bedienerführung ist man allerdings weit entfernt. (Bild: Cognex Germany Inc.)

Bild 3: Lustlos und wenig übersichtlich, dafür wenigstens mit einem gewissen Windows 95 Retro-Charme. Von guter Bedienerführung ist man allerdings weit entfernt. (Bild: Cognex Germany Inc.)

Die User Experience (UX) gehört mittlerweile zu den zentralen Begeisterungsfaktoren. Ein schickes User Interface verbunden mit einer möglichst intuitiven Bedienbarkeit ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Nachfolgend sind zehn UX-bezogene Einstiegsfragen zu finden, mit denen man sich einer beliebigen Software annähern kann. Spezifische Aspekte der Bildverarbeitung werden dabei berücksichtigt, sie stehen aber nicht im Vordergrund. Zentral ist immer die Frage: Wie ernst meint es der Softwarehersteller mit der Benutzerfreundlichkeit?

 

UX Feature #1: Dauer der Startprozedur?

Beginn jeder Auseinandersetzung mit einer Software ist der Start der Anwendung. Es ist immer wieder überraschend, wie viel Zeit einzelne Anwendungen mit der Startprozedur vergeuden. Es ist in der Praxis gar nicht so selten, dass eine Software auf einem Rechner mittlerer Leistungsfähigkeit eine Minute und mehr zum Start benötigt. Wenn zehn Mitarbeiter im Unternehmen diese Anwendung fünfmal am Tag laden, dann summiert sich die unproduktive Wartezeit auf über einen Mann-Monat im Jahr. Eine Anwendung sollte nur wenige Sekunden zum Start benötigen:

  • • <3s: Optimal
  • •  3 bis 5s: Akzeptabel
  • •  5 bis 10s: Das Maximum, visuelles Feedback (Fortschrittsbalken o.ä.) vorausgesetzt
  • •  >30s: Katastrophal

Lange Startzeiten lassen sich über einen als Lazy Initialization bezeichneten Implementierungsansatz vermeiden. Im Prinzip geht es darum, Datenobjekte möglichst spät, idealerweise erst zum Zeitpunkt der erstmaligen Verwendung zu laden und zu initialisieren. Ziel ist es, dem Anwender schnellstmöglich das Gefühl der Kontrolle über die Anwendung zu geben. Idealerweise gestaltet man die Initialisierung adaptiv, d.h. man beobachtet und lernt das typische Verhalten des Anwenders und passt die Abläufe der Anwendungsinitialisierung entsprechend automatisch an. Die Programmiersprache Swift von Apple z.B. unterstützt diesen Implementierungsstil über das Schlüsselwort ‚Lazy‘ für Objekteigenschaften (Properties). Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es in der industriellen Anwendung durchaus Gründe gibt, über ein gezieltes Pre-Loading möglichst viele Module frühzeitig in den Arbeitsspeicher zu holen. Aber dieser Anwendungsfall ist zumindest bei der Arbeit im Büro bzw. Labor eher die Ausnahme. Idealerweise ist Lazy Initialization konfigurier- und abschaltbar.

UX Feature #2: Freie Skalierung der (Bild-)Anzeige im UI?

Im Bereich der Webentwicklung ist ‚Responsive Design‘ aufgrund der Gerätevielfalt auf Anwenderseite seit einiger Zeit das zentrale Thema. Ziel ist es, in Abhängigkeit von bestimmten Eigenschaften des Ausgabemediums, unterschiedliche, auf die Usability optimierte Designs anzuzeigen und das Layout der Controls entsprechend anzupassen. Auch für eine Desktopanwendung ist es interessant zu prüfen, wie das Programm mit unterschiedlichen Bildschirmauflösungen umgehen kann und ob evtl. ein Betrieb an mehreren Monitoren möglich ist. Allen oben erwähnten Softwarepaketen ist gemeinsam, dass der Bildschirm gar nicht groß genug sein kann, um all die für die Konfiguration benötigten Fenster der Entwicklungsumgebung (IDE) darzustellen. Je mehr Flexibilität die Anwendung für die Anordnung und Darstellung der einzelnen Ausgabefenster bietet, desto komfortabler wird das Arbeiten. Warum nicht das Tool-Flow-Fenster separat vom aktuell bearbeiteten Kamerabild auf jeweils zwei HD-Monitoren darstellen? Bilder sollten mitsamt eines optionalen Overlays in der Anzeige stufenlos skalierbar sein. Dazu muss die Anwendung ein modernes vektorbasiertes Renderingmodul verwenden und die Hardwarebeschleunigung der Grafikkarte nutzen.

UX Feature #3: Ease of use?

 Der Standardbetrachter in Windows 10 mit Vorschaufenstern. Selbstverständlich mit Undo und Redo. (Bild: Microsoft Corporation)

Bild 4: Der Standardbetrachter in Windows 10 mit Vorschaufenstern. Selbstverständlich mit Undo und Redo. (Bild: Microsoft Corporation)

Insbesondere im technischen Bereich ist es in vielen Softwareunternehmen ein Problem, dass die Entwickler selten ein Gefühl für Design und Ästhetik haben und auch von der Gedankenwelt und den Kenntnissen der potentiellen Anwender der Software bzw. des Produktes zu weit entfernt sind. Allzu häufig stellt das UI eine 1:1-Ansicht der internen objektorientierten Datenstrukturen dar. Der typische Softwareentwickler fühlt sich mit dieser Vorgehensweise sogar außerordentlich wohl, muss er dadurch doch aus seiner intellektuellen Komfortzone kaum heraustreten. Den Anwender der Software interessiert das herzlich wenig. Er hat ein Problem und benötigt dafür eine softwaretechnische Lösung, die leicht erlernbar und effizient zu nutzen sein muss. Wenn es nur irgendwie geht, am besten durch Ausprobieren, weil man schlicht und einfach keine Zeit und keine Lust für eine intensive Auseinandersetzung mit der Software hat. Damit sind wir erneut beim UI und der Bedienlogik: Einfachheit kann zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden. Je besser die Kunden mit einer Software umgehen können und je weniger die Anwender auf die Unterstützung des Herstellers angewiesen sind, desto erfolgreicher lässt sich eine Software einsetzen. Ähnlich groß wie das Angebot an Bildverarbeitungssoftware, intelligenten Kameras und Vision-Sensoren ist auch die Bandbreite der Usability der angebotenen Lösungen. So gibt es äußerst clevere Lösungen, wie z.B. der preisgekrönte intelligente Assistent für die Farbkonfiguration in den Vision-Sensoren der Baumer Verisens XC-Serie. Erstklassig ist auch z.B. die Benutzerführung im Vision Assistant für die Konfiguration der O3D3x Vision-Sensoren von ifm electronic (Bild 1). Sollte ein Designpreis für Benutzeroberflächen in der Bildverarbeitung ausgelobt werden, dann gehört die ifm-Software ganz oben auf die Kandidatenliste. Allerdings ist der Funktionsumfang der Software aktuell noch sehr begrenzt. Ob der Hersteller das hohe Niveau an Usability auch bei der Bereitstellung aufwändigerer Funktionalität wird halten können, muss sich zeigen. Daher sollte man aufpassen nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Bedienerfreundlichkeit steht immer im Widerspruch zu maximaler Flexibilität und Leistungsfähigkeit. Während die Vision-Sensoren für eine Teilmenge an Anwendungsgebieten optimiert sind, verfolgen Produkte wie der Vision Designer, der Design Assistant und Merlic einen Universalansatz. Umfangreiche Funktionalität führt allerdings auch schnell zu Komplexität. Zurück zum UI: Die bekannten ‚Eight Golden Rules of Interface Design‘ des US-amerikanischen Informatikprofessors Ben Shneiderman fordern u.a. das Prinzip der Abgeschlossenheit: Aktionssequenzen sollten in Gruppen organisiert sein, die einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende aufweisen. Aus meiner Sicht sind daher zu viele gleichzeitig geöffnete nicht-modale Navigations- und Parametrierfenster, wie man sie in den hier vorgestellten Softwareprodukten stellenweise findet, eher problematisch. Schwer zu durchschauen sind auch Property-Dialoge mit einer großen Zahl an Property Pages, die untereinander logische Abhängigkeiten aufweisen. Ein Parameterdialog wie der in Bild 3 ist kaum bedienbar. Hier wurde eine Vielzahl an Grundregeln für die Gestaltung von Dialogen von den Entwicklern missachtet: Viel zu viele Tab Pages (insgesamt acht), Parameter (z.B. Schriftart, Bereich) neben Aktionen (Optimieren) und Ergebnisausgaben, diverse wenig selbsterklärende Icons in der Toolbar, Controls und Textlabels ohne Ordnung, zum Teil überlappend. Selbst wenn ein Anwender sich die Funktionalität dieses Dialogfensters mühsam erarbeitet, wird er nach einer Pause von wenigen Wochen erneut über Anordnung und Logik der Seiten rätseln.

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